Mal darauf achten, Teil 1

Hier beginnt meine erste Mini-Kolumne „Mal darauf achten“: Kleine Beobachtungen im Alltag, die mich für einen Moment nachdenken lassen.

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Freunde, wohin man sieht?

Dass die Anzahl der Freundschaften, welche die meisten Nutzer sozialer Netzwerke wie facebook, wasauchimmerVZ und Co offiziell eingegangen sind, nicht repräsentativ sind für das tatsächliche Umfeld im realen Leben, sollte inzwischen hinreichend bekannt sein.

Viel interessanter fand ich es in meinem persönlichen Fall, mal darauf zu achten, wer welchen Raum in meinem Alltag einnimmt. Den Ausschlag für diese Gedanken gab mir der Umstand, dass ich aufgrund technischer Schwierigkeiten für eine Weile von der Dauer-Verfügbarkeit durch Internet und Telefon abgeschnitten war. Mir kam irgendwann die folgende Frage in den Sinn: Wenn ich ab sofort mein Handy abschalten und keinen neuen Vertrag für Internet/Telefon eingehen würde, wenn ich auf diesem modernen Wege nicht mehr erreichbar wäre – Für wie viele meiner Freunde wäre ich dann ab diesem Zeitpunkt nicht mehr existent? Wer würde es über kurz oder lang einfach so hinnehmen, dass ich mich nicht melde, würde das Nicht-erreichbar-Sein auf schnellstem Wege gleichsetzen mit „endgültig weg“? Und wer würde spätestens nach einem bestimmten Zeitraum an meiner Tür klingeln, weil er sich Sorgen macht, ob mir etwas passiert ist? Oder wer würde zumindest versuchen, andere Wege zu gehen, einen altmodischen Brief zu schicken etwa? Das Ergebnis dieser Gedanken war, dass ich diejenigen, denen ich wichtig genug wäre, um die Nicht-Verfügbarkeit nicht einfach hinzunehmen, an einer Hand abzählen kann. Diese Menschen, von denen man weiß, dass sie bereit sind, auch andere Wege als den kürzesten und bequemsten einzuschlagen, um jemanden zu erreichen, sind die wichtigsten im Leben. Diejenigen, die wirklich zählen, wenn man von Worten wie „Freundschaft“ spricht. Doch die Frage ist: Wissen sie es? Lässt man sie spüren, dass man sich ihres hohen Werts bewusst ist? Erschreckenderweise musste ich für mich feststellen: Nein. Denn es sind diejenigen, die sich im oben erdachten Fall nicht mehr melden würden, die mein „Verschwinden“ hinnehmen und mich irgendwann vergessen würden, denen ich die meiste freie Zeit des Tages widme.  Ich bin mindestens eine Stunde täglich – insgesamt – in Foren und sozialen Netzwerken aktiv, meistens sogar deutlich länger. Hingegen könnte ich, auf die gesamte Woche gerechnet, die Minuten, welche ich täglich mit den wirklich wichtigen Menschen verbringe, vermutlich ebenso an einer Hand abzählen. Schon oft habe ich mich selbst dabei ertappt, den dritten Abend in Folge in irgendeinem Chatroom flüchtigen Internetbekannten Beistand bei ihrem Liebeskummer mit einer mir gänzlich unbekannten Person zu leisten, während ich es schon anderthalb Wochen lang vor mir herschiebe, endlich mal meine Eltern anzurufen.

Warum ist das so? Meine beste Freundin formulierte es einmal sehr treffend: „Bei dir weiß ich, dass ich, wenn ich zu beschäftigt bin, mich auch mal drei Monate gar nicht bei dir melden kann und du bist deshalb nicht beleidigt, sondern wenn wir uns dann wieder sprechen, können wir in unseren Gesprächen auch sofort wieder bei den Punkten ansetzen, bei denen wir zuletzt stehen geblieben waren. Das kann ich sonst mit kaum jemandem.“ Diese Aussage kann ein schönes Kompliment sein. Sie kann aber auch erkennbar machen, dass Vertrauen und Vertrautheit zur Selbstverständlichkeit umschlagen können. Ich möchte niemanden, der mir wichtig ist, zur Selbstverständlichkeit machen, weder gedanklich noch durch mein Handeln.

Es gilt allgemein als wichtiger Schritt zum Glück, die wahren Freunde zu erkennen und diese Freundschaften zu pflegen, auch wenn man (relativ) sicher sein kann, dass diese eben aufgrund ihrer Bedeutung nicht von heute auf morgen verschwinden, wenn man mal unabkömmlich ist. Ich für meinen Teil habe aufgrund dieser Gedanken dazu beschlossen, diesen wenigen wirklich wichtigen Menschen zukünftig mehr Raum zu geben, ihnen mehr Achtsamkeit entgegen zu bringen. Auch wenn dies bei vollem Terminplan heißt, auch mal auf die tägliche Stunde facebook zu verzichten, um in dieser Zeit mit der Omi, dem Bruder oder der besten Freundin einen Kaffee trinken zu gehen. Das sind diese Menschen Wert, und genau das sollte man ihnen immer wieder zeigen.

Und ganz ehrlich: Das meiste, was man auf dem allerschnellsten Weg moderner Kommunikationsmittel zu lesen und zu hören bekommt, ist doch genau so gehaltlos wie die so genannten „Freundschaften“, die nur in Netzwerken existieren und nicht im realen Leben. Einfach mal darauf achten.

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