2 Jahre Saoghal: „Hebt die Krüge“?

Heute vor genau zwei Jahren ging das Saoghal-Forum online.
Ich gebe zu, dass ich dieses Datum nachschlagen musste und immer noch oft genug keine spontane Antwort parat habe, wenn es um Fragen geht, wann bei uns eigentlich was dazukam. Es hat sich ja doch einiges getan in zwei Jahren, manches mehr, anderes weniger sinnvoll, so dass mir persönlich vieles viel länger oder kürzer zurückliegend erscheint, als es tatsächlich ist.

Das Design hat sich oft verändert, es kamen neue Medien hinzu oder wurden verworfen, dieser Blog hier ist einer der Zusätze.
Anfangs ging es nur um das Forum als solches. Ein Experiment, eine Grundidee. Entstanden ist dies aus einem Grund, aus dem heraus ich niemandem raten würde, irgendein Projekt zu starten: Frustration. Meine eigene und ganz persönliche Frustration über ziemlich elitäre Strukturen in anderen Foren, in denen ich auf vielen Seiten aktiv war: als „normaler User“ genauso wie als Administrator oder Teammitglied. Mein Wunsch war – und ist – es, herauszufinden, wie eine Forengemeinschaft zusammenwachsen kann, wenn es keine ausgeklügelten Hierarchien mit Probezeiten, Sich-beweisen-Müssen und Userrängen sowie starre Themenvorgaben gibt, sondern wenn aus und mit den eingebrachten Gedanken aller Teilnehmer etwas heranwächst.
Das Konzept der „verzauberten Welt“ war schnell gefunden, die ersten Mitstreiter auch. In der Anfangszeit kannten sich alle bereits untereinander aus anderen Foren und waren vereint in dem mehr oder weniger starken Gefühl, dass ihnen in jenen anderen Foren etwas Entscheidendes fehlte. Wie genau wir das besser und anders machen wollten, ließen wir ziemlich offen.
Es ist viel geworden. Spezialisierung genau so wie Vielfalt: Wir bieten einen Ort des Schutzes und des Austausches für Menschen, die psychisch erkrankt sind, um sie in ihrem nicht immer leichten Alltag zu unterstützen. Es ist aber keine Zugangsvoraussetzung für das Forum, eine Diagnose parat zu haben. Gesunde sind herzlichst willkommen, genau so wie Angehörige von Erkrankten, die gern mehr über die Perspektive anderer Seiten erfahren möchten. Wir haben einen Themenschwerpunkt veganes Leben, aber wir nehmen nicht nur Veganer gern bei uns auf, sondern begegnen jedem offen und sind bereit zu konstruktiven Diskussionen, zu gegenseitiger Inspiration und einfach zum Spaß am Genießen. Es kann mal gesellschaftspolitisch streitbar werden oder einfach nur ein verdammt leckeres veganes Rezept geben. Wir inspirieren einander zu Ritualen und Alltagsmagie, ohne zu Dogmatikern zu werden, und wir heißen Angehörige jedes Glaubens ebenso willkommen wie Atheisten oder Freunde des Fliegenden Spaghettimonsters, das in unserem Forum sogar sein eigenes Emoticon hat.
Kürzlich wurde es in einem netten Skype-Gespräch mal so ausgedrückt: „Im Saoghal können wir alles sein, aber wir müssen nichts sein, außer wir selbst.“ Vielleicht trifft es das ganz gut.

Ich möchte hier nicht zu viel Eigenlob verbreiten. Und ich möchte hiermit auch nicht die Möglichkeit nutzen, alles, was wir tun, über den grünen Klee zu loben.
Wir machen Fehler. Ich mache Fehler.
So war zum Beispiel unser Gang zu Facebook so ziemlich das, was man als „Griff ins Klo“ bezeichnen kann, denn das schnell und herzlos Mitteilende, das schnell und gedankenlos Konsumierende, das spontan und oft später bereute „Mögen“ aller möglichen und unmöglichen Dinge, eben Zustände und Vorlieben, mit denen diese ganzen sozialen Netzwerke auch heute noch oft assoziiert werden, all das passte einfach überhaupt nicht zu unserer Zielgruppe. Diese sehnte sich einem langfristigeren, nachhaltigen Austausch, für den man sich bewusst Zeit nimmt, und ebenso bewusst und achtsam wollte sie mit Themen wie Datenschutz, persönlichen Fragen und Vertrauen umgehen. Entsprechend ausgestorben sah unser Kanal dann auch aus, und irgendwann kamen wir einfach darüber überein, ihn wieder einzustampfen. Auch aus Fehlern lernt man bekanntlich.
Auch (zwischen-)menschlich hat es einige Macken und Fehler gegeben, zweifelsfrei. Mir persönlich tun bis heute all die Menschen leid, die in das Saoghal-Forum kommen wollten und es nicht durften. In unserer Anfangszeit sahen wir uns plötzlich damit konfrontiert, dass einige von uns – die Mehrheit, um genau zu sein – noch einschneidend von Erfahrungen aus anderen Foren geprägt war. Eine echte neue Chance war damit kaum gegeben, und wir machten den großen Fehler, unnötige Hürden zu bauen, ein „Bewerberverfahren“ für neue Mitglieder zusammenzuschrauben und auf eine ziemlich geschmacklose Art und Weise, nämlich über das Verwenden der Umfrage-Option des Forums, darüber zu entscheiden, ob ein neuer Bewerber denn auch „würdig“ und „geeignet“ sei, zu uns zu gehören. Ich weiß, dass viele Foren zum Thema psychische Leiden dies noch heute tun, und sie werden ihre ganz eigenen Gründe dafür haben. Für mich hat diese Begründung aber ins Saoghal mit seinem Konzept einer offenen und freundlichen Welt, in der jeder angenommen wird, wie er ist, nie gepasst. Ich bin heute glücklich darüber, dass inzwischen jeder zu uns kommen kann ohne Abstimmungshürden. Und ich bin umso trauriger über all jene, die anfangs durch dieses unsägliche Verfahren fielen und die ich deshalb nicht näher kennenlernen konnte.

Denn dass ich hier interessante Leute kennen lerne, steht für mich außer Frage. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, hat „sein Paket“ zu tragen und dennoch seine ganz individuelle Hoffnung. Ich treffe so viele starke und bewundernswerte Menschen hier, die mich inspirieren und aufbauen und von denen ich mir wünsche, dass ich ihnen auf ähnliche Weise etwas zurückgeben konnte und weiterhin kann.
Diese Art des Austausches macht im Grunde genommen das Forum Saoghal für mich aus: dass es mehr ist als ein reiner Online-Läufer. So hatten wir auch schon Treffen von Forenmitgliedern auf dem Weihnachtsmarkt, nächtelange Skype-Debatten und Telefonate, kleine Geschenk-Aktionen wie das Weihnachts- und Postkartenwichteln, liebevolle Briefe an Forenmitglieder, die sich gerade in einer Klinik befanden, echte und reale Freundschaften, die hier ihren Anfang nahmen, und vieles mehr, das mir einfach gezeigt hat, dass wir nicht nur als Forum funktionieren, sondern dass es menschlich einfach richtig klasse harmonieren kann. Ich trage immer noch gern den drei Meter langen Schal, den mir jemand aus dem Forum in Handarbeit gestrickt hat, und ich freue mich jedes Mal darüber und denke an diesen Menschen, wenn ich den Schal trage. Und ich erinnere mich an so viele lebhafte Diskussionen, in denen auch mal die Fetzen geflogen sind, genau so wie an noch viel mehr Momente, in denen Menschen zusammengehalten haben und beieinander waren, auch wenn anderswo in der realen Welt gerade gewaltig die Fetzen flogen. „Ganz viel Liebe“, um es mit den Worten eines mir bekannten Saoghal-Bewohners zu sagen.
Wir haben gebloggt, wir hatten Bastelaktionen, ein selbst designtes Online-Spiel, es gab die Aktionen „Auch DU bist schön“ und die „Hoffnungsgeschichten“, einen Adventskalender mit Bildern, die uns von großartigen Künstler (teilweise exklusiv) zur Verfügung gestellt wurden, wir twittern, bieten euch inzwischen auch Gestaltungshilfe für eigene Online-Projekte sowie Gratis-Grafiken und Projekt-Partnerschaften an, die Sammlung unserer Veggie-Rezepte wächst und schon bald vielleicht kann unser Foren-Rollenspiel in die nächste Runde starten. Neben der „Schreiberei“ können unsere Mitglieder sich Avatare basteln lassen, sich zu virtuellen Selbsthilfegruppen formieren, Geschichten erleben und virtuelle Währung verdienen und für jede Menge Dekoratives zum Profil-Pimpen und Interagieren oder für gemeinsame Aktionen ausgeben. Kurz gesagt: Aus „erstmal nur ein Forum als Experiment“ ist innerhalb von zwei Jahren schon etwas geworden, auf das wir ein bisschen stolz sein können und wofür ich an dieser Stelle nochmal allen, die mitgemacht haben, mitmachen oder es in Zukunft tun werden, ganz herzlichen Dank sage. Ihr seid wundervoll und ohne euch wäre alles nicht geworden, was es heute ist.

Also alles gut? Größtenteils: ja. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es immer.
Mein größter Wunsch zum Forengeburtstag wäre Zuwachs. Wir mögen eine kleine und miteinander vertraute „Familie im Geiste“ sein, aber wir „adoptieren“ auch gern und versuchen unser Bestes, jeden, der zu uns kommen mag, mit offenen Armen zu empfangen. Wenn diese Möglichkeit, auch ein Bewohner der kleinen verzauberten Forenwelt zu werden, von einigen Menschen angenommen werden würde, wäre das klasse. Frischer Wind tut uns immer gut und belebt.

In einem belebenden Sinne: Vielen Dank für die Zeit, die du dir zum Lesen unseres Blogs nimmst! Auch ohne dich wären wir nicht zwei Jahre lang dabei geblieben, dieses Projekt weiter zu gestalten.

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