Geschichte von Natalja: Einzigartig

„Du bist auch noch hier?“
Die Stimme war leise, aber ich wusste gleich, wem sie gehörte, noch bevor ich mich umdrehte. Sie war in meinem Alter, heute erst eingeliefert worden, und war durch die obligatorische Vorstellungsrunde auf unserem Flur geschickt worden. Flur 309, Abteilung für psychiatrische, psychologische und psychosomatische Medizin. Das „Diagnose-Raten“ fiel bei ihr weg, denn es war offensichtlich. Dass sie es überhaupt geschafft hatte, die Treppen herunter zum Innenhof, auf dem ich gerade stand, zu laufen, kam mir schon vor wie ein Wunder. Ich riss mich zusammen, um nicht wie ein Spanner ihren abgemagerten Körper anzustarren, und versuchte, mich auf das Gespräch einzulassen, das sie offensichtlich suchte.

Ich sagte ihr, dass ich am Abend – und ich ertappte mich dabei, wie ich bewusst vermied, nachzufügen „nach dem Essen“ – gern noch im Innenhof säße. Sie fragte nach einer Zigarette und ich reichte ihr meine Packung und mit knochigen Fingern griff sie danach.

Worüber wir an diesem Abend genau redeten, weiß ich heute nicht mehr. Aber wir trafen uns ab diesem Abend täglich. Immer im Innenhof. Nach dem Essen, das sie nicht herunterbekam. Genau so wenig wie die kleinen Fresubinpäckchen, die sie zitternd umklammerte vor der Medikamentenausgabe. Zwei Tage später kamen ihre Nährstoffe durch eine Kanüle. Einmal hörte ich zwei Patientinnen lästern, sie sei wohl nur zum Sterben hier hergekommen.

Ich hatte nicht den Eindruck, zu ihr vordringen zu können, auch wenn unsere Innenhof-Gespräche intensiver wurden. Wie intensiv konnten sie auch werden, dachte ich, denn an dem Tag, als sie ankam, war es meine letzte Klinikwoche.
Am vorletzten Tag saß ich wieder in der Ergotherapie, die ich seit Beginn verabscheute. Vor mir lag ein Klumpen Keramik-Knetmasse. Diese Dinger, die an der Luft aushärten und mit denen ich im Kindergarten schon genau so ungeschickt hantiert hatte wie jetzt. Ich drückte lustlos auf dem Klumpen herum und dachte plötzlich, er sähe wie eine kleine Schnecke aus. Und tatsächlich formte ich dann auch so etwas wie eine Schnecke und kratzte mit einem Spieß „Du bist einzigartig“ hinein. Es war das erste, das mir einfiel. Als ich es sah, wollte ich es ihr zum Abschied schenken. Ich hatte den Gedanken, dass ihr jemand endlich mal sagen sollte, dass sie einzigartig ist. Jeder Mensch ist das, aber viele haben es vergessen.

„Hey, du hier?“
Drei Jahre später. Sommer in Roskilde. Eine Woche „Orange Feeling“.
Ich hätte sie fast nicht erkannt. Sie hatte die Haare etwas kürzer als damals in der Klinik, und sie passte mit einem normalgewichtigen Körper in ein flatterndes Sommerkleid. Sie strahlte mich an.
Meine Überraschung war komplett. Das war sie nun also, sie, von der jemand sagte, sie sei zum Sterben vor ihrem 20. Geburtstag verdammt.
Sie war hier. Einige hundert Kilometer von unseren beiden Heimatstädten entfernt in einem anderen Land.
Wir gingen vom See zu meinem Zeltplatz, währenddessen redete sie unaufhörlich. Von ihrem neu begonnenen Studium und ihrem Freund, den sie seit einem Jahr hatte und den sie mir gleich mal vorstellen wolle. Als wir uns hinsetzten, kramte sie in ihrer Tasche. „Weißt du, was ich noch von dir habe?“ fragte sie. Sie wickelte es aus einem Taschentuch. Es war etwas angeschlagen, aber drei Worte darin waren noch gut lesbar: „Du bist einzigartig.“